10. Reisetag

Sonntag, 29. Juli 2012

Skei-Grodås

Nebst dem Sognefjord gibt es mit dem Nordfjord einen zweiten Fjord, der weit ins Landesinnere ragt. Auch der Nordfjord hat einige Seitenäste, die es schwierig machen, sich zu orientieren. Dazu kommen die zahlreichen Binnenseen in der Gegend, die sich optisch kaum von den Fjorden unterscheiden. Die weit ins Landesinnere eindringenden Fjorde weisen kaum Ebbe und Flut auf, und deren Wasser hat einen sehr niedrigen Salzgehalt.

Skei, wo ich übernachtete, liegt an einem Binnensee, dem Jølstravatn, und hat nebst einem Supermarkt, einer Bank und einem Fotoladen einen Weihnachtsshop, dessen Schaufenster mit Kläusen und Engeln überfüllt ist.

Da ich gestern mehrmals am PC einnickte, ging ich früh ins Bett. Es war in diesem Hotel unbeschreiblich ruhig, weder von drinnen noch von draussen war irgendein Geräusch zu hören. Sonst surrt oder rauscht immer irgendetwas, aber hier gab es absolute Ruhe.

Das Frühstück nahm ich erst ein, als die beiden deutschen Reisebusse mit Rentnern abgefahren waren. Die Carreisen verlassen die Hotels immer sehr früh am Morgen, aber wenn man Norwegen innerhalb einer Woche gesehen haben will, kommt man nicht darum.

Der Himmel war grösstenteils bedeckt, zwischendurch waren blaue Löcher auszumachen. Dies stimmte mich positiv, und zum Glück hatte ich Recht. Ich verliess Skei (das man übrigens „Schei“ ausspricht) über die komplett leere E39 bis Byrkjelo, dann überquerte ich mit der Hauptstrasse 60 einen Pass, auf dessen Nordseite ein schöner Blick auf den Innvikfjord (der östlichste Teil des Nordfjords) zu geniessen war. Dem Fjord entlang folgte ich bis Olden, dann zweigte ich ins Oldedal ab. Am Ende des Tals in Briksdal wartet ein gebührenpflichtiger Parkplatz, wo man das Auto gegen ein Entgelt von 50 Kronen abstellen darf. Nachher ist Körpereinsatz gefordert, um an den Fuss des Brikdalsbre zu gelangen. Es handelt sich ein einen weiteren Seitenast des grossen Jostedalsbre, also um einen Gletscher. Auch hier gab es ganze Völkerwanderungen, obschon einiges an körperlicher Leistung abgefordert wird. Die Abschrankung vor dem Gletscher wird so gut wie von allen ignoriert, aber dahinter sollte man wissen, was man tut. Man klettert über einige Steine, um vorwärts zu kommen, und wohl die wenigsten haben sich überlegt, woher diese Steine gekommen sind, nämlich irgendeinmal von weit oben in relativ schnellem Tempo. Also durchquerte ich diese Stelle fast im Laufschritt, derweil einige sich dort niederliessen und picknickten. Beim Gletschereis gab es einen „niedlichen“ Eisklotz in der Grösse von ein paar Kubikmetern. Ein Tourist nach dem andern stellte sich neben diesen Klotz und liess sich fotografieren. Ich beobachtete dies aus guter Distanz und wäre parat gewesen für das exklusive Bild, wäre von ein paar hundert Metern weiter oben der nächste Eisklotz hinabgedonnert. Die Leute sind sich der Gefahr, der sie sich aussetzen, absolut nicht bewusst.

Das Exklusivbild gab es dann nicht, und so muss ich meine Ferien aus dem normalen Budget finanzieren…

In Olden ist der zweite grosse Mineralwasserabfüller in Norwegen (der andere ist in Farris). Die Touristen hielten leere Flaschen unter jeden Felsen, ab dem ein paar Tropfen Wasser herunterfielen, und dass es grösstenteils Farris-Flaschen waren, störte sie nicht.

Das Briksdal führt von Süden nach Norden und endet in Olden am Invikfjord, der Teil des Nordfjords ist. Es ist eine herrliche Landschaft. Das südliche Talende wird vom Melkevollgletscher abgeschlossen, den man schon von weit her sieht:

Die Hauptattraktion des Tals ist jedoch der Brikdalsbre, eine weitere Gletscherzunge, die bis ins Tal hinunterragt. Der Aufstieg vom Parkplatz aus erfolgt parallel zu einem reissenden Bergbach. Wer nicht gehen will, kann sich mit einem "Trollmobil" befördern lassen. Wenn man die Abschrankungen ignoriert, wird man nicht gehindert, bis ans untere Ende des Gletschereises zu gehen. Wenn man aber bedenkt, was für Eismassen oben am Berg liegen und schnell ein gelöster Eisbrocken unten ist, dann sollte man auf sicherer Distanz bleiben.

Zwischenzeitlich hatte sich das Wetter massiv verbessert. Es gab längere sehr sonnige Abschnitte, und es wurde richtig warm. Auf dem Weg zurück nach Olden legte ich wegen der so schönen Landschaft noch einige Fotohalte ein.

Oberhalb von Olden gibt es eine schöne Stelle, wo man das reissende Wasser des Flusses aus dem Oldedal schön sieht. Ich machte mit dem Graufilter Langzeitbelichtungsversuche, um dem Wasser mehr Dynamik zu verleihen. Das erste Bild normal aufgenommen, die beiden anderen Bilder mit 1/2 und 1.6 Sekunden, was einen besonderen Effekt ergibt.

Olden und der Innvikfjord

Dann besuchte ich das nächste Tal, das Lodal, das bei der Ortschaft Loen endet. Eine 15 km lange, meist einspurige Strasse führte in das malerische Tal mit dem Lovatn, einem langgezogenen See. Es eröffnete sich ein wunderschönes Panorama auf die Berge und die Gletscher, je weiter ich mich in das Tal vorgekämpft hatte. Es folgte wieder einmal eine Zahlstation, diesmal eine unbediente, die 40 Kronen für die Durchfahrt wollte. Auf einer ungeteerten, holprigen Strasse ging’s an den Fuss des Kjenndalsbre, also zu einem weiteren Gletscherarm des Jostedalsgletschers. Auch hier hatte es Volk, aber nur in bescheidenem Rahmen. Die gleichen Leute, die ich beim Briksdalbre gesehen hatte, turnten wieder vor den Eismassen…

Das Lodal von Loen am Innvikfjord nach Kjenndal ist weniger das Ziel vieler Touristen, obwohl es sich um ein prächtiges Tal mit einem langgezogenen See handelt.

Der weit hinunter ragende Gletscherarm des Kjenndalsbre ist sehr eindrücklich:

Zurück am Fjord folgte ich der Strasse nach Stryn und zweigte später auf eine Nebenstrasse ab, die nach Nordfjordeid führt. Die Strasse führt hoch am Hang entlang und bietet wunderschöne Ausblicke auf die Fjorde. Leider war der Himmel, je weiter ich nach Westen gelangte, wieder stark bedeckt.

Kurz nach Nordfjordeid erreichte ich den Binnensee Hornindalsvatn, der tiefste Binnensee Europas (514 m), dem ich auf praktisch leerer Strasse folgte. Am anderen Ende, in Grodås, wartete ein Hotelzimmer auf mich. Ich habe nun einen wunderbaren Blick auf den See und geniesse die langsame Dämmerung bei nur wenig bewölktem Himmel. Eine soeben angefahrene italienische Reisegruppe sorgt nun für die Geräuschkulisse.

Das Hotel in Grodås liegt wunderschön an einem See:

Und wie immer am Schluss die Reiseroute des heutigen Tages: