
24. Reisetag
Sonntag, 12. August 2012
Mosjøen-Lønsdal
Grau, grau, grau war es am Morgen, als ich die Vorhänge erstmals öffnete. Anders hatte ich es eigentlich auch gar nicht erwartet. Ich dachte, ich muss mich damit abfinden, dass ich meine Portion Sonnenstrahlen für diese Ferien erhalten habe, denn im Vergleich zu anderen Jahren war das Wetter ja gar nicht so übel. So richtig geregnet hat es seit Tagen nicht mehr, es ist einfach häufig grau und hat so ein Spraydosen-Regen dazu.
Es war nicht die leiseste Nacht hier in Mosjøen. Zuerst war relativ lange Musik zu hören, weil die norwegischen Fliegenfischer-Meisterschaften ausgetragen wurden und deswegen ein Festzelt in ca. 100 m Distanz aufgestellt war. Dann befand sich der Eingang zu einer Bar direkt unter meinem Fenster, so dass ich dann entsprechende Geräusche im Zimmerpreis inbegriffen hatte. An und für sich war es eines der vornehmeren Hotels auf dieser Reise, aber eben, das muss nichts heissen.
Ich arbeitete dann zunächst an meinem Laptop, um für alle Reisetage einen Landkartenausschnitt herzustellen. Das Internet funktionierte nämlich prima, das wollte ich gleich ausnützen. Es hat also auf allen Fotoseiten nun eine Karte, auch rückwirkend für die ersten Reisetage.
Als ich an der Rezeption anstehen musste, warf ich kurz einen Blick auf das dort liegende Dagbladet. Dort entdeckte ich, dass morgen im Bereich nördlich von Mosjøen sehr gutes Wetter angesagt ist, derweil südlich von Trondheim, wo ich eigentlich einen nächsten Schwerpunkt setzen wollte, schlechtes Wetter sein wird. Da fasste ich kurzerhand den Entscheid, noch einmal nordwärts zu gehen, und dafür auf der Reise südwärts ein paar Stationen auszulassen.
Für heute erwartete ich noch nicht gutes Wetter. Ich machte dann eine Fjord- und Fährentour in Richtung Sandnesjøen, kehrte dann aber vorher um, weil ich ins noch schlechtere Wetter fuhr. So nahm ich die Fähre Levang-Nesna und fuhr dann nach Mo i Rana. Einen Teil dieser Strecke war ich zwar gestern Abend schon gefahren. Es wurde dann fortzu trockener und heller.
Es ist unglaublich, wie zerklüftet das Land durch die zahlreichen Fjorde ist. Ohne Landkarte würde ich mich hier nie orientieren können. Es ist auch erstaunlich, wie umfangreich das Strassennetz ist, das um Faktoren grösser als dasjenige der Schweiz ist, aber bloss durch gut 4 Millionen Einwohner finanziert werden muss.
Von meiner Fahrt Mosjøen-Levang-Nesna-Mo i Rana habe ich ein paar Eindrücke dieser Fjorde festgehalten:
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Im Bahnhof Mo i Rana fuhr gerade der Schnellzug Bodø-Trondheim mit 20 Minuten Verspätung ein. Es gibt nur je einen Tag- und einen Nachtzug auf dieser Linie. Unter der Woche werden noch Teilstücke, insbesondere im Raum Trondheim und Bodø, mit Nahverkehrszügen bedient. Die beiden durchgehenden Züge werden mit Lokomotive und Wagen geführt, und es hatte recht viele Fahrgäste. Schade, dass das Angebot nicht ausgebaut wird. Auch mit Spezialwagen könnte in touristischer Hinsicht noch mehr aus dieser landschaftlich schönen Linie herausgeholt werden.
Mittlerweile wird auf der Nordlandbahn etwas moderneres Rollmaterial eingesetzt, nämlich Wagen, die erst vor kurzem in Ungarn komplett modernisiert wurden.
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Nun machen wir noch ein wenig Norwegenkunde:
Innerorts gilt 50 km/h, ausserorts 80 km/h. Da es praktisch keine Autobahnen gibt, wird die zulässige Geschwindigkeit dort immer angegeben. Ausserorts, wenn die Strasse an Siedlungen vorbeiführt, gilt meistens 60 km/h, aber man trifft auch häufig 70 km/h signalisiert an. An die 50 km/h und 60 km/h halten sich die Norweger recht gut. Ausserorts gibt es Fahrer, die extakt mit 80 km/h fahren, während andere mit über 100 km/h unterwegs sind, sofern es die Strasse überhaupt zulässt. Die meisten Strassen sind sehr kurvenreich, die Strassenbeläge zeitweise eine Katastrophe, und häufig geht eine breite Strasse plötzlich in einen besseren Feldweg über.
Wenn der norwegische Staat die Meinung hat, auf einem Strassenstück sei eine Geschwindigkeit wirklich einzuhalten, steht eine Tafel mit einem Fotoapparat. Dies gibt an, dass zu schnell fahrende Autos fotografiert werden. Die Messstationen sind gut zu erkennen, so dass wohl kaum einer in die Falle fährt. Ansonsten wird vermutlich die Geschwindigkeit praktisch nie gemessen (vielleicht beurteile ich das nach der Leerung meines Briefkastens zu Hause dann anders...).
Erstaunlich ist, dass in Dänemark und Schweden auch alle Geschwindigkeitskontrollen angekündigt werden. Nur in der Schweiz sind die so perfid....
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Dann nahm ich den Weg nordwärts unter die Räder. Wieder einmal fast allein auf der Strasse fuhr ich auf der E6 zum Polarkreis. Manchmal vollbringt die Natur Wunder, und so kreuzt man den Polarkreis auf dem landschaftlich herrlichen Saltfjell, einer kargen und mondähnlichen Landschaft, und das erst noch fast auf dessen Scheitelpunkt. Kurz vor dem Polarkreis lösten sich die Wolken auf, und ich stand im vollen Sonnenschein. Ah tat das gut. Meine Absicht ist morgen hierhin zurückzukommen, um zwischen 14 und 15 Uhr die beiden Schnellzüge nord- und südwärts zu fotografieren. Die Bahnlinie verläuft hier extrem fotogen, es ist einfach schade, dass kaum Züge fahren (und die Fahrpläne der Güterzüge kenne ich nicht).
Ich genoss den Aufenthalt sehr, besuchte den Polarkreiszenter, suchte dessen Restaurant auf und ging nur ungern weg. Aber wenige Kilometer später wurde das Høyfjell-Hotel Lønsdal angekündigt. Auf den ersten Blick überzeugte mich das Haus nicht, aber mit Hilfe meines Smartphones checkte ich, was das Hotel so bietet. Und dann war ich überzeugt und nahm ein Zimmer. Angesichts der wenigen Autos draussen dürfte es noch einige freie Zimmer haben.
Der Höhepunkt des heutigen Reisetags - sowohl geographisch als auch emotional - war das Saltfjell mit dem Polarkreiszenter. Dazu kam, dass sich die Sonne nach fast drei Tagen endlich wieder einmal zeigte. Und wenn man den Wetterprognosen trauen kann, soll morgen gutes Wetter herrschen.
Das sind also nun ein paar Eindrücke vom Polarkreis. Offenbar ist es für Norweger Tradition, an dieser Stelle einen Steinturm aufzutürmen, jedenfalls das ganze Areal ist mit solchen Steintürmen übersät.
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Da die Rotationsachse der Erde nicht fix ist, muss der Polarkreiszenter in ein paar hundert Jahren und einige Meter verschoben werden. Die exakte Position des Polarkreises im Jahr 1990 kann anhand des Monuments festgestellt werden.
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Der höchste Punkt der E6 über das Saltfjell liegt auf 691 m.ü.M., bereits über der Baumgrenze. Etwas weiter unten liegt das "Hochgebirgshotel" mitten im Wald in der Einsamkeit. Der Blick aus meinem Hotelzimmerfenster ist aber so richtig norwegisch:
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Und zum Abschluss wieder die Karte mit der Reiseroute!
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